110 Jahre Kirchenchor Jesingen - Festkonzert

Mit einem Jubiläumskonzert verbindet mancher Pauken und Trompeten. Der Ton macht aber die Musik. Deshalb wählte Chorleiterin Natalja Katsnelson eher dezentere und bescheidenere Töne zum 110. Geburtstag des Kirchenchors Jesingen. Fast verwunderte es sogar, das zur Eröffnung des Jubläumskonzerts am Samstag, 26.04. in der Petruskirche Mendelssohns „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren“ erklang, einem traditionell zum Nachtgebet gehörender Gesang. Von einer Untergangsstimmung war der weitere Verlauf des Abends aber so weit entfernt, wie vom nächsten Morgen...Die Zeit des äußeren Zur Ruhe Kommens war immer schon auch eine Zeit geschärfter innerer Aufmerksamkeit, weshalb die Geburtsstunde der Kirchenkonzerte die durch Dieterich Buxtehude eingeführten „Abendmusiken“ waren, die übrigens immer mit jenem „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren“ ausklangen. „…Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“, heißt es dann im weiteren Verlauf, oder mit dem Zugabestück des Jesinger Kirchenchores beantwortet: „Nicht dem, der war, noch dem, der kommen wird, sondern dem jetzt Anwesenden singen wir.“ Paul Gerhardt hat es in dem Schlusschoral des Konzertprogramms so formuliert: „Nun ruhen alle Wälder…es schläft die ganze Welt…ihr aber, meine Sinne, auf, auf, ihr sollt beginnen, was eurem Schöpfer wohlgefällt.“ Bei so viel Anmutigkeit fiel es beinahe schwer, anschließend wieder die stark frequentierte Kirchheimer Straße überqueren, und sich dem Lärm des modernen Abends hingeben zu müssen. Neben den bewundernswert konzentriert vorgetragenen Chorstücken bereicherte aber auch serenadenhafte Kammermusik das Geburtstagskonzert. Dabei spannte sich der Bogen vom wiegenden c-Moll-Praeludium von Johann Sebastian Bach (durch Organistin Gisela Köder-Werner mit sehr viel Liebe fürs Detail vorgetragen) bis hin zur Pastoralarie aus Händels Messias („Er weidet seine Herde“), in der Natalja Katsnelson mit klarem, aber völlig unaufdringlichem Sopran beeindruckte. Einzig wie ein aufkommender frischer Abendwind wirkte der 2. Satz  des virtuosen Concertos C-Dur von Georg Friedrich Händel in der Bearbeitung für Oboe und Klavier, bei dem sich Oboistin Anna Vasiljeva und ihr Sekundant Wladimir Milmann am Piano einen begeisterten Zwischenapplaus verdienten. Pfarrer Roland Conzelmann sorgte mit meditativen Zwischentexten jedoch dafür, dass die wenigen extrovertierteren Stücke (Chorlied: „Freude macht sich breit“) immer nur kurze Intermezzi in einem sonst im wahrsten Sinne des Wortes beruhigenden Konzertablauf blieben. Mit Ehrungen langjähriger Mitgliedschaften im Jesinger Kirchenchor durch Bezirkskantor Ralf Sach endete der in sich runde musikalische Abend. Und als Frau Katsnelson nach dem letzten Zugabestück leicht verunsichert die immer noch erwartungsfrohe Zuhörerschaft fragte, ob sie denn noch etwas hören wolle, hat sich niemand getraut, laut „Ja!“ zu rufen.

 

Ralf Sach