Steiler Aufstieg und tiefer Fall

Der Andrang war groß und das Spendenaufkommen gewaltig. Pfarrer Conzelmann und das Freilichtspiel-Team sorgten für eine spektakuläre „Bibelstunde“. Heitere Ernsthaftigkeit bestimmte den Ton des Theaterabends, der beste Unterhaltung bot und doch auch zum Nachdenken anregte.

Was für eine Bereicherung die Neugestaltung des Rathaus- und Peterskirchenvorplatzes tatsächlich darstellt, zeichnet sich von Jahr zu Jahr immer deutlicher ab. Jesingen hat dadurch zweifellos eine außergewöhnlich erfolgreiche Veranstaltungsreihe hinzugewonnen.

Kirchheim. Selbst Inszeniertes unter freiem Himmel sorgt dort schon von Anfang an für weit über die Ortsgrenzen hinausgehendes Interesse, und so konnte der Kirchheimer Teilort auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Besucher aus der „Hauptstadt“ willkommen heißen.

Dass Freitreppen durchaus auch als ungewöhnliche Theaterforen genutzt werden können, ist jedermann bekannt und hat nicht nur in Schwäbisch Hall, sondern inzwischen auch in Jesingen – vielleicht keine ganz so lange, aber immerhin ungemein erfolgreiche – Tradition. Mit dem Bibeldrama „David“ sorgte das ambitionierte Freilichtspieltheater-Team nun schon im dritten Jahr in Folge für einen eindrucksvollen und kurzweiligen, im jüngsten Fall freilich auch ganz besonders nachdenkenswerten Abend, dessen Erlös der Arbeit des „Syrischen Waisenhauses“ zugute kommt. Dass durch ihren Auftritt Spenden in Höhe von über 2 300 Euro eingespielt werden konnten, war für die engagierte Schauspieltruppe neben dem immer wieder aufbrandenden Applaus ganz besonderer Grund zur Freude.

Menschen, die die Bibel schon von Buchdeckel zu Buchdeckel gelesen haben, dürften im voll besetzten Publikumsrund wohl eher die Ausnahme gebildet haben. Genauso gering dürfte vermutlich aber auch die Zahl derer gewesen sein, die noch nie etwas von David gehört haben, dem einfachen Schafhirten, der es wagte, sich dem Riesen Goliath zu stellen, und – zur Überraschung vieler Ungläubiger – nicht scheiterte, sondern tatsächlich als strahlender Sieger vom Platz ging.

Sein vermeintlicher Glanz verblasste freilich rasch, denn Größe macht bekanntlich nicht nur einsam, sondern birgt auch enorme Gefahren in sich. Die eigene Herkunft und einst geltende und konsequent gelebte Werte können da leicht in Vergessenheit geraten oder schlicht und ergreifend geleugnet werden. Als einfacher Schafhirte von Gott zum König erwählt zu werden, ist nicht nur ein unermesslicher und Neid erregender Glücksfall, sondern zugleich auch eine enorme Herausforderung, der man gewachsen sein muss.

Dass das bei dem biblischen „Titelhelden“ namens David fürwahr nicht der Fall war, ist bekannt, und das Publikum konnte sich daher auch umso intensiver darauf konzentrieren, wie diese „zeitlose Geschichte, in der es um Glaube, Liebe, Eifersucht, Schuld, Strafe und Vergebung geht“ für die aktuelle Freilufttreppenbühne aufbereitet wurde. Der Garant dafür, dass auch bei der dritten Aufführung „nah am Text“, „gespickt mit modernen Anspielungen“ und vor allem auch „auf heitere Weise inszeniert“ wurde, legte in bekannter Bescheidenheit erneut großen Wert darauf, nicht unnötig hervorgehoben werden.

Schon während des Stücks hatte sich Pfarrer Roland Conzelmann eher im Hintergrund gehalten und war nur kurz als den Riesen Goliath enthusiastisch feiernder Gangster-Rapper mit Hut und dunkler Sonnenbrille ins Rampenlicht getreten.

„Philister“ Reinhold Ambacher, der sich am Ende im Namen des gesamten Jesinger Freilichtspiel-Teams bei dem begeistert applaudierenden Publikum bedankte, würdigte in zugesagter Zurückhaltung und ohne Namensnennung auch den Verfasser der einfallsreichen Textvorgabe. Er verriet dabei lediglich, dass dieser in allernächster Nachbarschaft zur Jesinger Kirche zu finden sei. Zusätzlich wurde diskret auch auf die solidarische Hilfestellung des alles überdeckenden „Mantel des Schweigens“ verwiesen . . .

Dieser ganz konkret in den Bühnenszenen eingesetzte „Mantel“ und dessen angeblich so „segensreiche“ Rolle wurde im Stück aber ganz besonders intensiv in Frage gestellt, um die über 600 Besucher nicht nur in gewohnter Heiterkeit gut zu unterhalten, sondern zugleich auch nachhaltig zum Nachdenken anzuregen. Die fragwürdigen Konsequenzen bewussten Verschweigens, massiven Verdrängens und mutwilligen Verzeichnens wurden damit auf der Freilichtbühne gelungen vor Augen geführt ohne damit die bewusst gewählte Leichtigkeit der Inszenierung zu gefährden.

Wie erwartet, war natürlich auch die inzwischen schon dritte Jesinger Inszenierung – trotz einiger kleiner tontechnischer Probleme – wieder ein großartiger Erfolg, der alle bewährten Akteure geradezu zwangsverpflichtet, genau so weiterzumachen. Wie von dem stets gut unterrichteten Vertreter des Freilichtspiel-Teams zu erfahren war, gibt es wohl nicht nur mindestens eine weitere Bibelstelle, die sich zur Bearbeitung auf offener Bühne anbietet, sondern vor allem auch schon erste vielversprechende Verse. Da kann man nur hoffen, dass davon letztlich nichts „flöten geht“, sondern im kommenden Jahr wieder in bewährter „heiterer Ernsthaftigkeit“ vom Jesinger Freitreppen-Ensemble auf die Bühne gebracht wird.