6. Mai 2016 Josef - eine traumhafte Geschichte

Zischender Sprudel und ein Kamel

RAINER STEPHAN

vor der Kirche. Unter der Schirmherrschaft der Evangelischen Kirchengemeinde Jesingen hat es sich eine motivierte Schar von 20 Darstellern zur Aufgabe gemacht, biblische Geschichten modern interpretiert mit einer Prise Humor vorzuführen.

Hausherr und Akteur Roland Conzelmann begrüßte in Versreimen und bat im Rap-Stil um Spenden für die Möblierung des Jugendraums im Gemeindehaus sowie die Soforthilfe der Stiftung Tragwerk. Die erste Szene spielte in Frau Kekets Speisesaal. Die Gattin des Potifars, ein Hofbeamter des Pharaos, bewirtete eine illustre Frauenrunde mit allerlei Köstlichkeiten. Beim Servieren des Sprudels zischte es nur so – ein „running gag“, der des Öfteren zum Einsatz kam.

Den Handlungsablauf gab das 1.  Buch Mose (Genesis) vor: Josef ist der Lieblingssohn Jakobs. Er und sein Bruder Benjamin werden bevorzugt. Die zehn Halbbrüder sind darob neidisch. Hinzu kommt, dass Josef zwei Träume hatte, in denen sich seine Familie vor ihm verneigt. Seine Brüder ärgern sich und wollen ihn loswerden. Sie werfen Josef in eine Zisterne und verkaufen ihn an eine Karawane. Diese gibt den Siebzehnjährigen als Sklave in Ägypten an Potifar ab. Jakob trauert lange um den vermeintlich toten Sohn.

In Ägypten ist Gott auf Josefs Seite und lässt ihn im Hause Potifars schnell Karriere machen. Josef ist ein attraktiver Mann und Keket verliebt sich in ihn, doch er bleibt seinem Gott treu. Aus Rache beschuldigt die Gekränkte Josef, worauf er im Gefängnis landet. Jahre später hat der Pharao ebenfalls zwei ungewöhnliche Träume, die ihm keiner seiner Wahrsager deuten kann. Es wird an Josef erinnert, der nun des Pharaos Träume deuten soll. Josef prophezeit sieben ertragreiche Jahre und sieben mit Dürre. Er gibt den Rat, die fruchtbaren Jahre zu nutzen, um für die Dürreperiode zu sammeln. In den Hungerzeiten kommen auch die Brüder zweimal nach Ägypten. Josef gibt sich nicht zu erkennen und hat Rachegelüste. Diese wandeln sich zuletzt in Vergebung und Versöhnung.

Die Dramaturgie zeigte wechselnde Handlungen in Ägypten mit Rückschau nach Kanaan, in Josefs Heimat, sodass sich den Zuschauern der Inhalt leicht erschloss. In einer anfänglichen Szene sinnierte Josef – authentisch und gut gespielt von Andreas Schulz – unter dem Credo „Ich habe einen Traum“ über eine bessere Welt. Hierzu passte das mehrmals während der Aufführung eingespielte Lied „Ich träum, ich träum“. Dieser Ansatz von Gerechtigkeit und Brüderlichkeit zog sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk. In Josefs Dialogen mit Keket kam auch sein Wissen um die Entstehung des Neids zum Vorschein.

Mit viel Liebe zum Detail wurden die Szenen dargestellt. So war das Kamel der Karawane ein Hingucker. Der Handlungs- und Kulissenwechsel erfolgte immer hinter einem herbeigetragenen Vorhang. Beim „Aufsteigen lassen“ von Mond und Sternen führte die hinterlegte Musik partiell zu persönlicher Ergriffenheit. Und der von Josef im Gefängnis eingeübte Becher-Rap brachte die Leute wie so oft zum Lachen. Spontaner Beifall des Publikums zollte mehrmals dem Können von Schauspielern und Regie Respekt.

Immer wieder wurde der Traum als Metapher verwendet, war Bezug zur Gegenwart und legte Beweis über die Gegenwärtigkeit der Heiligen Schrift ab. Josefs Resümee über Gott lautete: „Das Böse von uns gefährdet nicht seinen Plan“.

Licht- und Tontechnik sowie das Bühnenbild waren bestens und die Schauspieler kamen geschmackvoll gekleidet daher. Namens der Darsteller dankte Reinhold Ambacher in seinem Schlusswort allen Beteiligten und hob Einsatz und Leidenschaft der Pfarrersfamilie hervor. Mit Recht können die Jesinger stolz auf ihr Freilichttheater sein, das mit erstaunlichen Leistungen am idealen Platz bei schönem Wetter so viele Leute anlockte.