Begeistert

 

Installierte Kameras sind in den letzten Wochen etwas in Verruf geraten, weil Mitarbeiter dadurch beobachtet und ausgeforscht worden sind.

 

Natürlich werden die Mitarbeiter der Kirchengemeinden nicht mit Kameras beobachtet. Aber das Nest der Tumfalken in der Petruskirche in Jesingen, das filmen wir in Zusammenarbeit mit der NABUOrtsgruppe. Es ist schon faszinierend, was man da beobachten kann. Wo man in der Natur auch hinblickt - und im Frühling tun wir das nach den langen Wintermonaten wahrscheinlich besonders bewusst - man kann nur staunen und mit dem Beter des 104. Psalms sagen: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.

 

Wo man hinschaut, überall scheint ein Hauch von Gott in der Luft zu liegen.

 

Bei aller Begeisterung kann man aber auch ins Grübeln geraten: Wer gibt den Vögeln das Signal, sich einen Platz für Ihre Eier zu suchen? Die Turmfalken sind keine Nestbauer, sie benutzen eher Nester anderer Vögel. Aber wer hat diesen eigentlich je erklärt, wie man ein Nest baut? Wer erklärt ihnen, wie sie die Äste ineinander verflechten sollen? Wer sagt unserer Turmfalkenmama, dass sie treu und brav auf den Eiern zu sitzen hat? 27 - 29 Tage lang? Wer gibt es dem Männchen ein, dass er sein Weibchen in dieser Zeit mit Futter versorgen muss? Woher weiß eine Turmfalkenmutter, die zum ersten Mal Nachwuchs bekommen hat, dass sie ihren Jungen Schutz unter ihren Fittichen zu gewähren hat? Wer hat es ihr erklärt, dass sie ihnen hauptsächlich Muskelfleisch füttern soll? Wer fordert die Vögel dazu auf, ihre Jungen tollkühn zu verteidigen, auch wenn größere Vögel oder Nesträuber angreifen?

 

Den Turmfalken, den Tieren überhaupt scheint es ins Herz geschrieben zu sein, was sie zu tun haben, was ihre Aufgabe in der Welt ist, was richtig und was falsch ist, wie sie ihre Jungen aufzuziehen haben.

 

Für uns Menschen ist nicht alles so klar. Für uns ist es nicht selbstverständlich, dass wir Kinder haben und für sie da sein wollen. Wenn wir davon hören, dass Väter ihre Kinder im Keller einsperren oder dass Kinderleichen in Gefrierschränken gefunden werden, dann fragen wir uns: Ist es denn nicht allen Menschen ins Herz geschrieben, dass sie ihre Kinder zu schützen haben? Uns ist so vieles nicht mehr selbstverständlich. Und angestrengt überlegen wir deshalb, was für unsere Kinder gut ist. Aber wir sind unsicher. Wir überlegen, wie unser Leben aussehen soll, sind auf der Suche nach unserem Weg. Für uns sind die Dinge nicht so eindeutig, wie für die Tiere um uns herum. Da sind so viele Wege, die wir gehen könnten. Wir begnügen uns nicht damit uns in den vorgegebenen Bahnen zu bewegen, wir versuchen über unsere Grenzen hinauszugehen. Es reicht uns nicht, satt zu sein, sechs Eier im Nest zu haben. Uns erfüllt eine innere Unruhe, eine Sehnsucht nach etwas, das wir selbst nicht so recht benennen können. Wir Menschen sind schon etwas Besonderes! Wo Tiere einfach ihren vorgegebenen Weg gehen oder in der Sonne sitzen, da sind wir ruhelos auf der Suche nach Erfüllung und Sinn, komponieren unser Leben selbst. Und oft scheitern wir dabei.

 

Sind wir denn von allen guten Geistern verlassen, dass uns die Ruhe und die Selbstverständlichkeit des Lebens verloren gegangen ist?

 

In der Pfingstzeit erinnern wir uns daran, dass wir nicht von allen guten Geistern verlassen sind. Dass Gott uns seinen Geist schenkt. Er hat uns zu ganz besonderen Geschöpfen gemacht, die viel Entscheidungsfreiheit haben. Aber er lässt uns nicht allein. Es liegt eben nicht nur ein Hauch von Gott in der wunderbaren Frühlingsluft. In uns drin ist ein Hauch von Gott: Gottes Heiliger Geist, der uns helfen will, dass wir ganz bei Trost sind, den Sinn unseres Lebens nicht verfehlen, begeistert leben. Jesus Christus spricht: Der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. (Johannes 14,26)

 

Roland Conzelmann, Pfarrer in der Evang. Kirchengemeinde in Jesingen.