Turmfalkenpredigt

Liebe Gemeinde!

 

 

Die Kirchengemeinde Jesingen hat im Moment zusammen mit dem NABU ein Turmfalkenprojekt laufen - vielleicht haben Sie davon gehört.

 

 

Ich freue mich sehr, dass Herr Ilg vom NABU nun ein paar Informationen zu unserem Projekt und den Turmfalken geben wird. Dazu werden wir nachher dann einen kurzen Film aus dem Falkennest einspielen.

 

 

Bericht von Herrn Ilg vom NABU

 

 

In dem kleinen Film haben wir gesehen, wie geborgen die kleinen Turmfalken unter den Fittichen der Mutter sind. Dieses Bild der Geborgenheit finden wir in Psalm 61,5:

 

 

Lass mich Zuflucht haben unter deinen Fittichen.

 

Psalm 61,5

 

 

Wir sehnen uns nach Geborgenheit.

 

Dass wir warm, behütet und ganz sicher sind, wie damals im Mutterleib oder in den Armen der Mutter und des Vaters.

 

Dass wir geborgen sind, wie die kleinen Turmfalken unter den Fittichen der Mutter.

 

Wir alle sehnen uns danach:

 

Der Obdachlose unter der Brücke, der Manager mit Spitzengehalt, die türkische Frau mit dem Kopftuch, die emanzipierte Journalistin, die ganz jungen und die alten.

 

Wir sehen uns danach, dass uns jemand in den Arm nimmt, jemand auf den wir uns verlassen können, an dem wir uns halten können.

 

Wir sehnen uns nach Geborgenheit, weil wir in dieser Welt so oft frieren.

 

Weil wir vor so vielem Angst haben.

 

Weil wir uns so oft verlassen fühlen,

 

am Ende,

 

angegriffen!

 

 

Die Welt um uns herum ist schön,

 

aber auch grausam!

 

Wir müssen uns durchsetzen,

 

weil viele neben uns sind, die unsere Schwächen ausnützen, die uns auslachen, die uns mit einer einzigen Bemerkung hart treffen können, sodass wir an uns selbst und am Leben zweifeln.

 

Wir müssen uns panzern, ein dickes Fell zulegen, uns unempfindlich zeigen. Wir geben uns cool, damit andere unsere Schwächen nicht aufdecken.

 

 

Die Welt um uns herum ist schön, sie wird aber auch vom Futterneid regiert.

 

Viele versuchen sich vorzudrängeln - wie im Falkennest. Sie denken nur an sich und nicht an die Bedürfnisse der anderen.

 

 

Wir sehnen uns nach Geborgenheit, nach Liebe und Zuwendung.

 

 

In der Bibel heißt es: Gott wird dich mit seinen Fittichen decken! (Psalm 91,4)

 

Aber stimmt es?

 

Haben Menschen sich diesen Trost nicht ausgedacht, um sich Mut zu machen?

 

Kann man nicht allzu leicht durchschauen, dass sie sich das einreden, vormachen, weil sie die Grausamkeiten des Schicksals dann besser aushalten?

 

 

 

Die Menschen, die in der Bibel zu Wort kommen, erzählen es alle.

 

- Vielleicht nicht alle mit den gleichen Worten, aber vom Sinn her alle: Dass sie es erlebt haben, wie Gott sie unter seine Fittiche, unter seine Flügel genommen hat.

 

Im 5. Buch Mose wird diese Bild sogar noch gesteigert.

 

In 5. Mose 32,10+11 wird an Jakob erinnert.

 

Man kann wohl sagen, dass er wegen "Futterneid" auf der Flucht vor seinem Bruder Esau war. Jakob hat sich so dreist vorgedrängelt, dass er sich seinen Bruder zum unerbittlichen Feind gemacht hat.

 

Jakob hatte sich selbst in eine Sackgasse manövriert. Er musste fliehen, verlor die Geborgenheit der Familie, stand vor dem Scherbenhaufen seines Lebens.

 

Aber, so heißt es an dieser Stelle:

 

Gott fand Jakob in der Wüste,

 

in der dürren Einöde sah er ihn.

 

Er umfing ihn und hatte Acht auf ihn.

 

Er behütete ihn wie seinen Augapfel.

 

Wie ein Adler ausführt seine Jungen

 

und über ihnen schwebt,

 

so breitete er seine Fittiche aus

 

und nahm ihn und trug ihn auf seinen Flügeln.

 

 

Gott lässt Jakob nicht fallen, obwohl dieser selbst Schuld hat an seiner verzweifelten Lage.

 

Gott lässt seine Kinder nicht fallen!

 

Ein faszinierendes Bild, dass Gott einem Vogel gleicht, der sein Junges auf dem Rücken trägt.

 

- Aber tun Raubvögel das wirklich? Können sie das, ihre Jungen auf den Rücken nehmen?

 

 

 

Auf Flügeln getragen

 

Der studierte Zoologe und Tierschriftsteller Vitus B. Dröscher berichtet uns etwas ganz Bemerkenswertes über das Verhalten von Turmfalken:

 

Im Frühjahr 1976 meldete Willy Dorsch aus Mühlheim (Ruhr) erstmals eine seltsame Beobachtung, die zwar keinen Adler, aber einen anderen Greifvogel betraf. Alljährlich brütete ein Turmfalke im Gemäuer einer alten Kirche genau seinem Wohnzimmer gegenüber. Viele Jahre hindurch war der erste Ausflug der Jungen völlig problemlos vor sich gegangen, ohne dass die Vogelmutter helfend eingreifen musste. In jenem Jahr aber schien eines der beiden Kinder recht schwächlich zu sein. Viele Stunden lockte es die Mutter mit Rufen aus dem Nest heraus. Der kleine Wicht hockte auch auf dem Simsrand, wagte aber den Sprung nicht. Endlich riskierte er es doch, flatterte hektisch mit den Flügeln, begann zu trudeln, fing sich wieder und rauschte dann in einer Art Notlandung voll in die Zweige eines Baumes hinein. Beim zweiten Start, diesmal vom Ast, torkelte das Junge abermals.

 

In diesem Augenblick schoss die Falkenmutter herbei, breitete die Flügel wie ein Segelflugzeug weit aus, glitt unter ihr Kind, so dass es auf ihrem Rücken wie auf einem Flugzeugträger landen konnte, zog mit der Last wieder elegant in Richtung auf den zweiten Baum und gab zuletzt noch einen kräftigen Schubs nach oben, so dass ihr Kind gerade eben den untersten Ast des Baumes erreichen und sich dort festkrallen konnte. Seither wissen wir mit Sicherheit: Ein Greifvogel trägt seine Kinder „wie auf Adlersflügeln“ - jedoch nur in Ausnahmefällen, wenn es gilt, schwächlichen Jungen doch noch das Lebensrecht auf dieser Erde zu sichern.

 

 

Die Menschen, die in der Bibel reden, haben nicht einfach losphantasiert. Sie haben es selbst beobachtet, wie ein Adler ein Junges auf dem Rücken getragen hat.

 

Sie haben es selbst erlebt, wie sie getragen worden sind - von Gott.

 

 

Nehmen wir diese Hoffnung mit in die neue Woche:

 

Gott findet uns, auch wenn wir am Ende sind und das womöglich noch selbstverschuldet. Er findet uns in der Wüste unseres Lebens, in der dürren Einöde. Er sieht uns, umfängt uns, hat Acht auf uns.

 

Er behütet uns wie seinen Augapfel.

 

Wie ein Adler [oder Turmfalke] ausführt seine Jungen

 

und über ihnen schwebt,

 

so breitet er seine Fittiche aus

 

und nimmt uns und trägt uns auf seinen Flügeln.

 

Amen.